No Regrets – Reue oder nicht Reue?

Reue, die; – [mhd. riuwe, ahd. (h)riuwa, urspr. = seelischer Schmerz, H. u.]: tiefes Bedauern über … (aus dem Online Angebot des Dudens)

Um mich der Frage zu nähern, warum man bereut oder nicht, möchte ich zuerst einmal die Frage nach der Reue an sich stellen. Welche Komponenten spielen eine Rolle? Zunächst einmal muss sich etwas in der Vergangenheit ereignet haben, was wir aus heutiger Sicht nicht gut finden. Darüber hinaus mussten wir signifikanten Einfluss auf das Ereignis gehabt haben, schließlich können wir nicht bereuen, dass eine Umweltkatastrophe einen Landstrich verwüstet hat. Folglich muss das Ergebnis mit unserer Handlung zu tun gehabt haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir etwas getan oder eben nicht getan haben. Auch Unterlassung ist eine Handlung mit Folgen.

Continue reading

Die Leiden des jungen Werthers

Mittwoch war es so weit: Endlich stand das aktuelle Datum auf unseren Karten für das Maxim Gorki Theater. Von mehreren Seiten hatte ich schon von einer grandiosen Inszenierung des großen Werkes von Johann Wolfgang von Goethe in diesem Hause gehört. Zusammen mit Freunden und weiteren gespannten Theaterfreunden machten wir uns also auf, um mit großen Erwartungen (übrigens ein toller Film) das Schauspiel zu erleben.

Vorab gleich eine Bemerkung: Ich bin noch immer so überwältigt vom Erlebnis des Stückes, dass ich erst jetzt beginnen kann, darüber zu schreiben. Da ich meine Eindrücke aber noch immer verarbeite, kann dies nur ein erster Einblick werden, woher auch der Titel herrührt.

Nun befinde ich mich in einer Zwickmühle – möchte ich doch viele unerwartete und sogleich wunderbare Details würdigen, ohne dabei den Effekt beim erstmaligen Erlebnis zu Nichte zu machen, den Sie haben werden, falls Sie meiner nachdrücklichen Empfehlung folgen sollten, das Stück in exakt dieser Besetzung zu besuchen. Daher werde ich Manches nur andeuten und vielleicht in einem späteren Beitrag mehr verraten.

Ort des Geschehens war also das Maxim Gorki in Berlin. Werther, gespielt von Hans Löw verliebt sich unsagbar in Charlotte, ihrerseits verkörpert von Fritzi Haberlandt, welche jedoch mit Albert so gut wie verlobt ist. Dieser Albert, mit unvergleichlicher Präsenz und Plastizität gespielt von Ronald Kukulies, hat allerdings nicht vor von dieser abzulassen. Auf die Handlung an sich möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen.

Wir saßen in der ersten Reihe, was angesichts der Tatsache, dass sich die Protagonisten nicht unerhebliche Anteile des Stückes zwischen Bühne und Reihe 1 (vor allem Werther) und in Reihe 3 (Albert) aufhielten, zu einem hautnahen Erlebnis wurde. Albert, zu welchem ich mich umdrehte da er zwei Reihen exakt hinter mir saß, forderte mich nach seinem ersten Monolog im selben nassforschen Tonfall auf, nun doch wieder nach vorn zu schauen, da er ja nun fertig sei, in welchem er seinen Part zuvor vorgetragen hatte. Dies tat er mit einer immens glaubhaften Spontanität, egal ob geplant oder nicht, welche für viele weitere situativ komischen Kommentare der Schauspieler exemplarisch sein sollte. Wir waren mitten drin. Als dann Werter mit der Souffleuse den Platz tauschte und in der ersten Reihe Platz nahm, um mit ihr gemeinsam aus dem Tagebuch der Ereignisse zu referieren, wurde das Erlebnis in den vorderen Rängen ein vollends unmittelbares. Für alle anderen Besucher bot sich eine andere, vielleicht nicht minder attraktive Perspektive. Durch einen zwischenzeitlich auf der Bühne montierten, leicht geneigten und überdimensionalen Spiegel konnten sie das Treiben in den ersten Reihen in allen Zügen verfolgen. Ein Grund für mich, noch einmal hingehen zu wollen, um auch diese Perspektive auf mich wirken zu lassen.

Selten habe ich eine Bühneninszenierung erleben dürfen, in welcher es den Protagonisten in derart einnehmender Weise gelungen ist, die Emotionen der Helden der Handlung so direkt in die Reihen der Zuschauer zu transportieren. Falsch – ich habe es noch nie erlebt. Von überschwänglicher Euphorie in einer Minute über aussichtslose Verzweiflung in einer anderen hin zu aggressiver Verzweiflung – all das konnte ich erleben. All dies gepaart mit überzeugend trockener Situationskomik nahm uns mit auf eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Meinen Freunden und mir war nicht wirklich klar wie uns geschah. Ich kann zumindest für mich sagen, dass ich regelrecht gebannt und verzaubert wurde, da ich mich ohne vorgehalte und im Grunde vollkommen unbewusst geöffnet hatte. Nach Ende des Stückes war ich emotional regelrecht erschöpft. Grandios!

Ich ziehe meinen Hut vor (ich muss grad um die Worte ringen) “¦ der Emotionalität und Glaubwürdigkeit, der Präsenz und Wandelbarkeit der Darsteller. Danke für eine wunderbare Erfahrung, an welcher ich noch lange zu zehren haben werde. BRAVO!

An dieser Stelle möchte ich meinen Bericht vorerst beenden, um ihn an einem anderen Tag fort zu führen. Zu viel geht mir gerade durch den Kopf.

Bis bald, ich verspreche es “¦

Ihr Björn Woltermann

Nachtrag: Letztlich habe ich doch keine Fortsetzung geschrieben, aber die Eindrücke konnte der Artikel hoffentlich dennoch transportieren.

Die schönsten Franzosen kamen …

Sie ist schon wieder seit 2 Wochen geschlossen, die grandiose Sonderausstellung in der Neuen Nationalgalerie. Das Metropolitan Museums of Art in New York stellte ca. 150 Exponate (Skulpturen und Gemälde) für letztendlich 111 Ausstellungstage als Leihgabe zur Verfügung. 680.000 Besucher kamen und staunten.

seerosenteichmonet

Ich persönlich war ca. zur Halbzeit dort und war vollkommen begeistert. Mit Monets “Seerosenteich” und “Blick auf das Parlament” waren neben anderen meiner Highlights auch meine absoluten Lieblingsbilder live und in Farbe zu betrachten. Ich habe allein bei ihnen bestimmt eine halbe Stunde verbracht. Wunderbar gelungen fand ich die Audioführung. Diese bot bei ausgewählten Exponaten nach der Erläuterung jeweils ein passendes Instrumentalstück als akustische Begleitung des visuellen Erlebnisses. Ein Konzept welches bei so gefühlvoller Umsetzung den Genuss in noch größeren Höhen klettern ließ. Claude Debussy”™s “Claire de Lune” habe ich gleich mehrfach genossen. Wunderbar!

parliamentmonet1

Ebenfalls sehr gelungen war das Ticket-System. Bei Ausstellungen mit hohen Besucherzahlen bleiben besonders an Stoßzeiten lange Wartezeiten nicht aus. Hier wurden die Tickets und der Einlas getrennt. Man kaufte sich das Ticket, kam in eine elektronische Warteschlange und konnte sich per SMS benachrichtigen lassen, wenn man hineingehen konnte. So war es möglich, zusammen mit einer groben Schätzung der Wartezeit, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Der Potsdamer Platz liegt ja nur 10 min Fußweg entfernt. Hoffentlich wird dieses Konzept auch in Zukunft Anwendung finden!

Ich kann jedem kunstinteressierten Leser, welcher nicht da gewesen ist, nur sagen, dass er ein echtes Highlight verpasst hat. Nun ist es vorbei und ich freue mich schon auf die nächste Sonderausstellung in den Räumlichkeiten der Neuen Nationalgalerie!

Fußpils

Menschen, die mit einem Bier in der Hand durch die Straßen laufen – dies war für mich bis vor einem Jahr ein eher befremdliches Bild. Dann jedoch bin ich nach Berlin gezogen und es gehörte zum immer häufiger beobachteten Stadtbild.

Eines Abends auf dem Heimweg mit meinen neuen Kollegen kehrten wir bei einem Kiosk ein, kauften uns je eine Flasche Becks Lemon und gingen weiter. Ich lernte, dass das in Berlin “Laufbier” hieße und vollkommen normal sei. Das Pfand der zurückgelassenen Flaschen könnten sich dann auch gleich die Finder einstecken – Faulheit als gute Tat so zu sagen. Ein wie gesagt befremdliches aber durchaus interessantes Konzept. Nach einem langen Tag im Büro ist ein kühles Blondes auf dem Fußweg nach Haus auf jeden Fall eine willkommene Erfrischung.

Eines Abends am Wochenende dann traf ich mich ca. 15 min entfernt mit Freunden und nahm auf dem Weg auch eine Flasche zu trinken mit. Eine neue aber gute Idee. Falls man mit der S-Bahn unterwegs ist, wird übrigens aus dem Laufbier ein “Wegbier”, da man ja nicht mehr läuft. Eigentlich logisch, oder nicht?

Continue reading

Politikstil

Mich würde interessieren, ob die rauhe Art der eingeborenen Berlinen einen Einfluss auf den Politikstil haben könnte. Ist es Zufall, dass in der Zeit der Bonner Republik zwischen 1949 und 1999 der Politikstil eine gewisse Familiärität hatte? Ich kann mich noch eine Reportage im Fernsehen erinnern, in der Politikergrößen der Bonner Zeit interviewt wurden und diese berichteten, dass man sich, über Fraktionsgrenzen hinweg, des öfteren zufällig an einem Kiosk am Rheinufer über den Weg gelaufen ist und so einmal durchaus brisante Themen ohne Mikrofon und Protokoll besprechen konnte. In Berlin ist nun alles viel größer, wird es auch Berlinerischer oder ist es das gar schon?

Zitat: Es gibt zwei Arten von Berlinern …

An den Zäunen rund um die Baustelle auf dem Pariser Platz sind zahlreiche Bilder und ein Zitat von Harald Martenstein zu sehen. Dieses sagt:

“Es gibt zwei Arten von Berlinern. Die einen sind in diese Stadt hineingeboren worden und halten das alles hier für selbstverständlich. Die anderen, zu denen ich zufällig gehöre, haben sich diese Stadt ausgesucht. Diese Leute, zu denen ich gehöre, sind glücklich. Sie können nicht verstehen, warum die geborenen Berliner manchmal schlecht gelaunt sind oder aggressiv. Gibt es etwas Besseres, als in der besten Stadt der Welt zu wohnen?”

Das Zitat “erschlägt” viele Beobachtungen, welche ich in den Monaten seit dem Beginn meines Wahlberlinerdaseins gemacht habe. Es gibt den Begriff der “Berliner Kodderschnauze”, einen sprachlich rauhen Umgangston, welchen man tagein tagaus überall antrifft. Soziokulturell soll dieser seine Wurzeln in dem Umstand finden, dass der Großraum Berlin seit Jahrhunderten ein Zuzugsgebiet ist. Eine umfassende Zusammenstellung dazu findet man auch auf Wikipedia.

Zurück zum Thema vom Anfang; ich wünsche allen in Berlin geborenen: Geht hinaus in die Welt, zieht in eine andere Stadt, sei es nun in Deutschland oder auch nicht! Ihr werdet die Stadt mit anderen Augen betrachten. Auch wenn es ein großer Vergleich ist, so hat dieses doch etwas von den Astronauten, welches die Erde das erste mal aus dem All sahen und damit ein neues, wunderbares Bild voller Wertschätzung für unsere Heimat schufen.

Ich für meinen Teil habe Berlin in mein Herz geschlossen und finde es einfach nur schade, dass ich nicht mehr die Gelegenheit habe, Harald Juhnke sein “Berlin, Berlin” singen hören zu können.

Zu Harald Martenstein:
Harald Martenstein ist Journalist und Autor. Er arbeitet unter anderem für den Tagesspiegel und unterhält eine Kolumne in der Zeit.

Heißes Pflaster

Jeder kennt sie. Es gibt sie in unzähligen Varianten. Schon in der Antike wurden sie verlegt – die Pflastersteine.
Beim klassischen deutschen Kopfsteinpflaster sind sie in etwa handgroß, fast schwarz sowie quadratisch in der Grundform und oben etwas abgerundet. Sind sie vollständig rundlich nennt man sie Katzenkopfsteinpflaster. Beide Arten gehören zu den Großsteinpflastern. In den Städten im Westen unserer Republik, in denen ich bisher gelebt habe (Minden, Hamburg, Hannover, Frankfurt, Düsseldorf) sind dies die vorwiegenden Formen.

Jetzt wohne ich in Berlin. Einer Stadt mit einer unglaublichen Vielfalt und auch mit einem Hang zu Demonstrationen. Sei es nun, dass es das Zentrum des politischen Lebens ist, die Protestszene auf eine lange Tradition zurückblicken kann, Autonome sich hier scheinbar gern treffen oder weil die Menschen ihren Anliegen einfach mal Luft machen wollen. Ich weiß es nicht.

Das Wort Protest kommt aus dem Lateinischen von dem Verb “protestare” und bedeutet “für etwas Zeugnis ablegen”. Die Betonung liegt auf “für”, nicht “gegen”. Aber wann findet schon einmal eine Kundgebung für etwas statt? Ich kann mich dieses Jahr nur an “Gegen”-demos erinnern. Gegen die Online-Durchsuchung, gegen Tierversuche, gegen Castor-Transporte. Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, wird nach meinem Eindruck auch nicht für die Arbeit demonstriert sondern eher gegen alles Mögliche. Amnesty International bildet eine rühmliche Ausnahme, denn sie legt für die Einhaltung der Menschenrechte Zeugnis ab.

Continue reading

Die Perser

Gestern Abend haben eine Freundin und ich uns “Die Perser” im Deutschen Theater Berlin angesehen.

Gleich vorab – die Inszenierung von Heiner Müller hat mich vollkommen begeistert. Er hat die 2000 jahre alte, antike Tragödie nach Aischylos so wunderbar frisch und zugleich fordernd in ca. 90 Minuten gefaßt, dass ich sie jedem Freund der Bühnenkunst nur wärmstens ans Herz legen kann.
Das Bühnenbild in seiner minimalistischen aber zugleich ausdrucksstarken Weise (ein drehbarer Wandkörper) wurde besonders in der Anfangsszene, dem fast pantomimisch dargestellten Machtkampf der Protagonisten, wunderbar eingebunden!

Ohne Vorkenntnisse der Geschichte rund um die Geschehnisse während der Seeschlacht bei Salamis zwischen den Persern und Griechen, welche Gegenstand der Handlung sind, ist das Stück allerdings eine nur schwer zu verdauende Delikatesse! Daher rate ich jedem, sich vor dem Besuch noch einmal mit der Handlung vertraut zu machen. Danach lassen sich das Stück und vor allem die vielen kleinen Details viel besser wahrnehmen. Ein Rat, welcher im Übrigen meiner Meinung nach für jedes Theaterstück gilt.

Die schauspieleriste Leistung war ihrerseits schlicht beeindruckend!

Das Stück wird noch bis November 2007 laufen. Es lohnt sich wirklich!

Weitere Informationen zum Stück gibt es auf der Seite des Theaters.

Keep what’s hot! Drop what’s not!

Vor ein paar Wochen war es einmal wieder so weit – ein Projekt kam aufgrund höherer Gewalt in einen Ressourcen-Engpass. In diesen Fällen hilft nichts besser, als jeden einzelnen Bestandteil auf Herz und Nieren und vor allem auf seine Notwendigkeit hin zu überprüfen. Einfach mehr Ressourcen auf ein Projekt zu setzen, sollte nicht das Mittel der ersten Wahl sein, selbst wenn diese zur Verfügung stehen.

Langzeitprojekte neigen allzu gern zu einer gewissen “Beleibtheit”. Sie werden immer umfangreicher. Da hat der Eine noch diese Idee, ein Anderer wollte schon immer sein Lieblingsfeature haben und ganz Andere denken, dass der Kunde diese Funktion auf jeden Fall braucht.

Ganz SCHLECHT!

Schlank ist sexy! Ich meine nicht dürr, ich meine wohl geformt und auf das essentiellste konzentriert. Man sollte sich ein Projekt immer als Rennwagen vorstellen. Alles, was ihm hilft, schneller, standfester und zuverlässiger zu werden, ist gut. Alles andere nicht!

Continue reading