An Early Adopter or Not?

Es gibt Menschen, die springen auf jeden neuen Zug auf. Sie brauchten den ersten Walkman, den ersten GameBoy, ein Tamagotchi, eine MiniDisk, einen MP3-Player oder einen HD-DVD Player. Sie wurden Mitglied bei AOL in den 90ern, bauten sich ein Haus in SecondLife und waren unter den ersten 1.000 Usern der nächsten hippen Internetseite. Man nennt sie auch “Early Adopters“.

Andere wiederum sind immer skeptisch. “Kein Arzt darf den Körper eines Menschen öffnen, denn dann entweicht die Seele!” “Wenn man mit der Eisenbahn schneller als 35 Kilometer pro Stunde fährt explodiert bestimmt der Kopf!” “Handys sind nur was für Wichtigtuer und Snobs! Das braucht doch kein Mensch!” “Das LHC im CERN wird schwarze Löcher produzieren, die die Erde verschlingen werden!” Diese Menschen bewegen sich eigentlich so gut wie nie oder erst dann, wenn sich die Erde unter ihnen bewegt. Diese Gruppe sind die skeptischen “Late Followers”!

Eines haben beide Gruppen gemeinsam: Das Abwägen von Chancen und Risiken ist bei ihnen so gut wie nicht vorhanden und das Timing stimmt nur sehr sehr selten. Die Early Adopters machen alles mit und müssen daher auch zahlreiche Rückschläge hinnehmen. Tamagotchis waren nach einen Jahr out, ebenso SecondLife (obwohl es noch da ist und weiter stetig wächst) und die ersten MP3 Player hat man dann bald gegen iPods ausgetauscht, deren erste Generation, obwohl bahnbrechend, doch noch ein proprietäres Gerät für Apple User war. So war es ein Produkt für die Early Adopters innerhalb der Early Mac Adopters.
Die Late Follower auf der anderen Seite verpassen jede neue Entwicklung und damit auch Chancen. Sie hätten sich nicht den Blinddarm entfernen lassen und wären gestorben, haben nicht in die lukrative Eisenbahn investiert, zu spät ein Handy gekauft, um bei einem Unfall Hilfe rufen zu können und würden Grundlagenforschung am liebsten gleich verbieten. So lange sie es für sich allein im privaten Bereich machen, ist das ihr Thema.

Was aber wenn ein Entscheider ein “Late Follower” ist? “Wir brauche kein Fax oder später kein Email! Unsere Kunden können ja einen Brief schicken oder (ein paar Jahre später) faxen!” :-) “Ich brauche keine Internetseite, ich bin Friseur! Was hat das mit Internet zu tun?” Es gibt Fälle in denen Friseure Anstürme an Kunden bekamen, nur weil sie auf Qype gute Bewertungen hatten und neu Hinzugezogene bei der Suche nach einem neuen Friseur so auf ihn gestoßen sind. Seine Wettbewerber hatten dem entsprechend weniger Kundschaft.

Am besten macht es die Gruppe, die Trends beobachtet, analysiert und rechtzeitig aber nicht vorschnell Grundlagen schafft, um im Falle, dass ein Thema “fliegt”, dabei sein zu können. Man muss nicht gleich eine allumfassende Lösung anstreben, aber sollte die Türen offen halten.

In meinem Job beschäftige ich vor allem mit den neuen Themen in der ohnehin schon schnellen Internet-Industrie. Da sind die Social Networks, Microblogging Dienste und neuen Technologien wie Cloud Computing aber auch neue vernetzte Arbeitsweisen innerhalb und zwischen Organisationen. Dabei sagt man mir immer wieder nach, ich sei ein Early Adoptor und würde Dinge (zu) schnell angehen.

Ist das so? Ich möchte das einmal kritisch hinterfragen. Vielleicht haben diese Menschen recht, vielleicht aber auch nicht. Auf geht’s mit ein paar konkreten Beispielen:

  1. Ich hatte wohl einen der ersten GameBoys. Warum? Wir fuhren 1989 mit dem Auto von etwas Hannover nach Jugoslawien, heute Kroatien. Diese lange Zeit wollte unsere Mutter erträglicher machen und kaufte meiner Schwester und mir einen GameBoy. Dann gleich zwei, denn sonnst hätte es vielleicht eine Horrorfahrt werden können. Schlussendlich spielte sie auch viel Zeit mit jeweils einem von uns. Tetris zu zweit – ich habe das Gedudel noch heute in den Ohren. :-) Wir waren früh, aber das war auch gut so.
  2. Anfang der 90er hatte ich einen MiniDisk Player und ich habe ihn geliebt. MP3 und CD-Brenner gab es nicht, MC-Bänder leierten schrecklich. Da war die MD eine Wonne. Ich hatte aber erst einen portablen Recorder, als diese erschwinglich wurden und ausgereift waren. Ich war zwar eher als der Mainstream, aber Gerät passte in die Hosentasche, die ersten DJ-Geräte nicht. :-) Die DJs waren hier klar die Early Adopter.
  3. Meinen ersten iPod habe ich 2004 bekommen, 3 Jahre nach dem Launch der 1. Generation. Zu diesem Zeitpunkt gab es das Gerät für PCs und USB, die Anschlüsse waren die, die es heute immernoch sind (gutes Timing) und insgesamt war es ein ausgereift wirkendes Gerät. Damit war ich in Deutschland mit Sicherheit sehr früh dabei, aber global nicht wirklich.
  4. Ich nutze GoogleMail. Ich liebe es und es sooo praktisch. Ja, ich weiß, böses Google und so. Schon klar! Wer von Ihnen ist denn ausgewandert als wir in Deutschland die Vorratsdatenspeicherung eingeführt haben? Ich bin aber auch erst Ende 2007 oder Anfang 2008 umgestiegen. Da gab es den Dienst schon über 3 Jahre.
  5. Diese Jahr setzt der Exodus der PCs bei mir ein und Apple hat auch meine Computerwelt erobert. Das ist nun wirklich nicht early, aber unter den ersten 5% der deutschen Computernutzer bin ich wahrscheinlich trotzdem.

Das bringt uns zu einem interessanten Punkt. Wer ist eigentlich die Gruppe, in derer man als early oder late gilt? Ist es die Bevölkerung? Die von Deutschland, Europa, der westlichen Welt oder gar global gesehen? Ist es die Gruppe der professionellen Technologienutzer oder gar der in der IT-Industrie im Bereich Forschung, Entwicklung und Strategie tätigen Menschen? Niemanden würde einen Menschen in Deutschland einen Early Adoptor nennen, nur weil er lesen und schreiben kann. In Afghanistan wäre es es mit Sicherheit.
Nimmt man die Community der Designer und Architekten, so finden Sie mal bitte jemanden, der etwas auf sich hält und keinen Mac hat! DJs ohne Minidisk für Mixtapes oder -disks waren in den frühen 90ern über 50 Jahre alt oder legten nur auf drittklassigen Veranstaltungen auf. Es ist essentiell, sich die Vergleichsgruppe genau zu wählen, um eine aussagefähige Einordnung machen zu können.

Ja, ich war schon Anfang 2008 auf Facebook, da war das in den USA schon ein Massenphänomen, hier kannte es noch keiner. Nicht einmal 100.000 User gab es in Deutschland, aber die Prognose, dass Facebook die StudiVZs platt machen wird, hat sich bewahrheitet. Auch nutze ich Cloud Computing Dienste und wir setzen sie sehr erfolgreich in meiner Abteilung ein. Sie haben die Merktreife aber auch erreicht.

Ich denke nicht, dass ich kein wirklicher Early Adoptor bin und damit Vorschnell in der Anschaffung neuer Innovationen. Für Außenstehende mag das so aussehen, aber im Rahmen meiner Welt ist das nicht so. Ich interessiere mich sehr für neue Dinge und Trends, möchte zuerst einmal die Chancen darin verstehen und das geht nur, wenn man sich wirklich damit beschäftigt. Für die Risiken muss man dann auch ein fundiertes Assessment machen und Lösungen finden oder darauf warten. Stillstand ist Rückschritt. Die Dinsaurier waren “Late Follower” nach der Klimaveränderung vor 63 Millionen Jahren, General Motors hat seine Modellpalette nicht zeitgemäß angepasst, weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben, die etablierten Reiseveranstalter wurden von Holidaycheck und TripAdviser kalt erwischt und Quelle hat das Internet verpennt. Letzteres ist wirklich eine “Leistung” und alle haben ihre “Verspätung” nie aufgeholt oder gar nicht überlebt.

Also lieber einmal zu früh als immer zu spät. Offenheit ist wichitg und Timing ebenso. Auf diese Weise habe ich mir rechtzeitig diese Domain woltermann.de mit meinem Namen gesichert und meine Familie und ich erfreuen uns über schöne Email Adressen, die wir mit GoogleMail oder Google Apps abrufen. :-)

In welche Gruppe gehören Sie?