Reue, die; – [mhd. riuwe, ahd. (h)riuwa, urspr. = seelischer Schmerz, H. u.]: tiefes Bedauern über … (aus dem Online Angebot des Dudens)

Um mich der Frage zu nähern, warum man bereut oder nicht, möchte ich zuerst einmal die Frage nach der Reue an sich stellen. Welche Komponenten spielen eine Rolle? Zunächst einmal muss sich etwas in der Vergangenheit ereignet haben, was wir aus heutiger Sicht nicht gut finden. Darüber hinaus mussten wir signifikanten Einfluss auf das Ereignis gehabt haben, schließlich können wir nicht bereuen, dass eine Umweltkatastrophe einen Landstrich verwüstet hat. Folglich muss das Ergebnis mit unserer Handlung zu tun gehabt haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir etwas getan oder eben nicht getan haben. Auch Unterlassung ist eine Handlung mit Folgen.

An dieser Stelle nun kommt die Rationalität der jeweiligen Persönlichkeit ins Spiel. Rational betrachtet darf man Entscheidungen in der Vergangenheit nicht vor dem Wissenshorizont der Gegenwart bewerten. Sehr anschaulich wird dies am Beispiel des Glücksspiels: Man kann einfach nicht sagen, dass man die falschen Zahlen getippt hat. Man konnte sie zu dem Zeitpunkt einfach nicht kennen! Anders ist dies, falls man aus Faulheit nicht alle verfügbaren Informationen berücksichtigt hat oder offensichtliche Einflüsse ignoriert hat. Grundsätzlich möchte ich bemerken, dass vollständige oder perfekte Information faktisch nie vorliegt und Entscheidungen immer unter unvollständiger Information unter Zeitmangel getroffen werden. Genau das macht einen guten Entscheider aus – nämlich dass er abwägt, wie präzise die Informationen sind, sie gewichtet und dann zusammen mit seiner Erfahrung rechtzeitig zu einem Ergebnis kommt.

Kommen nun nachträglich externe Faktoren hinzu, so bleibt die getroffene Entscheidung in der damaligen Situation richtig, obgleich sie unter Berücksichtigung der neuen Lage angepasst werden sollte. Auch das gehört zu guten Entscheidern dazu – getroffene Entscheidungen ohne Gesichtsverlust anpassen zu können. Reue sollte dies auf keinen Fall auslösen.

Kurz zusammengefaßt: Entscheidet man unter den gegebenen Umständen richtig, so bleibt die Entscheidung richtig, auch wenn sich die Umstände ändern. Etwas anhand neuer Erkenntnisse zu bereuen ist meiner Meinung nach falsche Reue!

Warum bereuen wir also? Ich denke, dass es fast immer mit einem „nicht tun“ zusammen hängt. Entweder haben wir einer Information keine Aufmerksamkeit geschenkt, eine Chance nicht wahrgenommen oder aber etwas Notwendiges aufgeschoben, bis es zu spät war.

Ein hartes aber gutes Beispiel ist der Fall des Todes eines Freundes oder Verwandten, mit dem man sich gestritten und nicht mehr ausgesprochen hatte. Was bereuen wir in einer solchen Situation? Nicht die Tatsache, sich gestritten zu haben, denn das gehört zum Leben nun einmal dazu, sondern die Tatsache, dass wir nicht über unsere Schatten springen und den Streit begraben konnten. Wir haben diesem Menschen NICHT mehr gesagt, wie sehr wir ihn schätzten oder gar liebten. Das verfolgt uns im Zweifel sehr lange Zeit.

Ein zweites Beispiel zeigt, dass sich dieses Konzept auch in der Rechtsprechung widerspiegelt. In Notlagen ist Handeln in Form der Nothilfe, auch wenn sie negative Folgen nach sich zieht, nicht strafbar, das Nicht-Handeln in Form der unterlassenen Hilfeleistung aber eine gemeingefährliche Straftat.

Daher plädiere ich an dieser Stelle für mehr Handeln, keinen Aktionismus, sondern für mehr Courage. Erfüllen Sie sich Ihre Träume, wenn sich die Gelegenheit bietet, helfen Sie Ihren Mitmenschen, wenn diese es brauchen und treffen Sie lieber eine Entscheidung mehr als eine zu wenig! Sie werden es nicht bereuen!

Es gibt eben nichts Gutes, außer man tut es!!!

Ihr Björn Woltermann