Ist Wissen noch Macht?

In den letzten Tagen bin ich mehrfach auf das Thema Bildung und Wissen gestoßen. Unter anderem fragte mich eine Freundin um einen Rat zum Thema Bewerbung und Karriere. Dabei ging um in der Vergangenheit erlernte Software-Produkte, heutige Technologien und die Frage, in welchen Arbeitsmarktsegmenten welche Chancen bestünden. Dabei stellte ich mir die Frage, nach welchen Fähigkeiten und Eigenschaften von Bewerbern ich heute auswähle und in Zukunft rekrutieren würde.

Wir leben in Europa zum größten Teil in Dienstleistungsgesellschaften, in denen qualifizierte Tätigkeiten gefragt sind. Nur diese erwirtschaften ausreichend Wertschöpfung, um unseren sehr hohen Lebensstandard finanzieren zu können. Dazu ist meist umfassendes Fachwissen gefragt. Gleichzeitig nimmt der Fortschritt immer weiter zu. Nicht nur, dass das Wissen an sich immer größer wird, gleichzeitig nimmt auch die Geschwindigkeit zu, mit der sich der Wissensschatz vermehrt.

Damit steigt auch die “Abschreibungsrate des Humankapitals”. Kenntnisse über Techniken, Methoden und Zusammenhänge sind immer kürzere Zeit von Nutzen. Ein Bergmann, welcher im Jahre 1890 sein Handwerk erlernte, musste während seiner Lebensarbeitszeit fast nichts hinzulernen. Einhundert Jahre später sah dies anders aus. Neue Techniken wurden erfunden und eingeführt. Letztendlich mussten die Bergleute in Deutschland weitestgehend auf vollständig neue Berufe umschulen, da ihre bisherigen Tätigkeiten nicht mehr nachgefragt wurden. Noch dramatischer stellt sich die Situation in der IT-Branche dar. Einen Computer in MS-DOS bedienen zu können, war einmal eine gute Qualifikation, die heute, 15 Jahre später, keinen Wert mehr hat. Kein Personalchef fragt nach einer Software von vor 5 Jahren, für welche man teure Kurse besuchte, bis man sie im Schlaf beherrscht hat. So werden Informatik-Studenten die Programme, welche sie im ersten Semester erlernen, großenteils nie in der beruflichen Praxis anwenden.

Wenn also die Halbwertzeit von Kenntnissen immer weiter abnimmt, ist das Wissen dann die richtige Bewertungsgrundlage für die Besetzung einer Position?

Ich persönlich bin der Meinung, dass ein fundierter Grundstock an Know-how vorhanden sein muss. Viel größeres Gewicht messe ich jedoch der Fähigkeit bei, neues Wissen auszubauen und sich auf neue Herausforderungen einstellen zu können. Es zählt daher weniger, wie viel jemand bis heute erlernt hat, sondern wie schnell er in der Lage ist, ab morgen Neues zu erlernen. Damit ist nicht nur Fachwissen gemeint, sondern auch die Lernfähigkeit, mit einem neuen sozialen oder kulturellen Arbeits- und Organisationsumfeld umzugehen. Wenn das Know-how für immer kürzere Zeit Bestand hat, verschiebt sich das Gewicht immer mehr zu Gunsten des Lernens.

Daher kann ich bei der Auswahl neuer Mitarbeiter nur sagen: Wissen und Erfahrung sind wichtig – Lernfähigkeit, Flexibilität und Abstraktionsvermögen werden immer wichtiger!

Ihr Björn Woltermann

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