Verletzt, nicht hässlich!

Viele Dinge im Leben sind eine Frage der Perspektive. Der Klassiker ist die Frage, ob ein Glas nun halb voll oder aber halb leer sei. Doch selbst wenn einem dieses Prinzip vertraut ist und man sich auf die Seite der “Halb voll”-Sager geschlagen hat, so gibt es immer wieder Situationen, in denen man nicht merkt, dass man soeben die Seiten gewechselt hat.

Eine Freundin hatte vor ein paar Tagen eine unschöne aber notwendige Begegnung mit ihrem Zahnarzt. Auf die Frage, ob wir zur Linderung der Schmerzen nicht ein Eis essen gehen wollten, lautete die erste spontane Antwort “Gern, ich habe auch schon darüber nachgedacht, aber lieber nicht!”. Als Grund gab sie ihr geschwollenes Gesicht an.

Es soll jetzt gar nicht um sie als Person gehen. Vielmehr möchte ich diese Situation als Anlass für ein paar Überlegungen nutzen. Die Tatsache, dass man sich nach einer Operation nicht in die Öffentlichkeit wagt, ist schon etwas Besonderes. Niemand, der nach einem Skiunfall mit Gips herumkrückt (sich mit Gehhilfen fortbewegt), hat sich wohl je Gedanken darüber gemacht. Warum also meine Freundin nach Ihrer Zahn-OP? Ich denke es liegt daran, dass wir uns mit unserem Gesicht identifizieren. Wir sind das, was wir im Spiegel sehen. Wenn wir aber eine Platzwunde haben, einen Insektenstich oder eine dicke Wange nach einer Operation, so bleiben wir doch wer wir sind, nicht wahr?

Nach der Antwort meiner Freundin, kein Eis mit mir genießen zu wollen, erwiderte ich ihr, dass sie eine Verletzung habe und nicht hässlich sei. Sie dachte für einen Augenblick darüber nach und stimmte mir zu. “Interessante Sichtweise”, kommentierte sie und willigte ein, mit einem Eis den tristen, post-operativen Suppenalltag zu durchbrechen.

Fazit: Wie können wir von unseren Mitmenschen erwarten, nicht oberflächlich nach Aussehen und erster Erscheinung zu urteilen, wenn wir uns selbst genau danach bewerten, um zu entscheiden, ob wir das Haus verlassen oder aber nicht? Nur Mut, das Leben ist viel zu kurz, um schöne Momente zu verpassen.

In diesem Sinne alles Gute!

Ihr Björn Woltermann

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